Meine Antworten an den Diakonieverband Schwäbisch Hall
Kirche übernimmt in unserem Land viele gesellschaftliche Aufgaben, die eigentlich Aufgabe des Staates bzw. des Landes sind, aber ihr übertragen wurden. Gerade im ländlichen Raum ist Kirche flächendeckend oft die einzige verbliebene Institution für die Anliegen der Menschen. Dennoch schwindet das Vertrauen immer mehr. Welche Rolle soll Ihrer Meinung nach in Zukunft Kirche in unserer Gesellschaft spielen? Und wie würden Sie diese Zusammenarbeit in unserem Landkreis politisch gestalten wollen?
Die Kirche übernimmt seit vielen Jahren unverzichtbare gesellschaftliche Aufgaben. Kitas, Seelsorge, Beratungsangebote, soziale Arbeit, Begegnungsräume oder die Unterstützung von Geflüchteten sind Angebote, die für viele Menschen wohnortnah oft nur noch durch Kirche erreichbar sind. Dafür bin ich sehr dankbar.
Als Diakonin der Evangelischen Landeskirche und als ehrenamtlich engagierte Christin ist es mir ein großes Anliegen, dass Kirche auch in Zukunft eine zentrale Rolle in unserer Gesellschaft spielt. Kirche steht Menschen unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Lebenslage offen. Sie nimmt Sorgen ernst, bietet Halt und Unterstützung – manchmal auch dort, wo andere Systeme an ihre Grenzen kommen, bis hin zum Kirchenasyl. Es wäre fatal, wenn diese Angebote wegfallen würden, denn der Staat könnte sie nicht einfach kurzfristig ersetzen. Viele Menschen würden dann ohne Unterstützung dastehen.
Für mich ist ein vertrauensvolles Miteinander von Politik und Kirche deshalb besonders wichtig. Der regelmäßige Austausch mit Pfarrer:innen und Dekan:innen vor Ort ist mir bereits jetzt ein großes Anliegen, weshalb ich schon im Austausch mit kirchlichen Mitarbeiter:innen und Ehrenamtlichen bin. Im Falle einer Wahl würde ich diesen Dialog gerne verstetigen und mindestens einmal im Jahr einen offenen Austausch in beiden Kirchenbezirken anbieten. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen – insbesondere der Schutz unserer Demokratie, Bewahrung der Schöpfung und ein respektvolles, an der Menschenwürde orientiertes Miteinander – lassen sich besser gemeinsam bewältigen.
Ich bin zudem überzeugt: Kirche darf und soll sich in gesellschaftliche Debatten einbringen. Wenn etwa gefordert wird, Kirche solle sich nicht politisch äußern, widerspreche ich dem ausdrücklich. Kirche hat einen klaren Wertekompass: Nächstenliebe, Menschenwürde und der Einsatz für die Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Das sehen auch viele Kirchenmitglieder so, wie die aktuelle Kirchenmitgliedsuntersuchung zeigt. Eine Kirche, die Haltung zeigt und sich am öffentlichen Diskurs beteiligt, ist ein wichtiger Bestandteil einer lebendigen und demokratischen Gesellschaft.
Mit der Diakonie setzt sich unsere Landeskirche konkret für die Menschen vor Ort ein. Inspiriert durch den christlichen Glauben und den damit einhergehenden Werten werden vor allem die Bedürftigen und Schutzsuchenden unterstützt. Exemplarisch seien hier das Frauen- und Kinderschutzhaus in Schwäbisch Hall oder auch die allgemeine Sozialberatung des Grunddienstes genannt. Leider wurde in den vergangenen Jahren die Finanzierung dieser Arbeit aufgrund der Reduzierung von Sozialleistungen durch Bund und Länder immer schwieriger, aber die Nöte der Menschen dadurch nicht besser. Wie möchten Sie diesen Menschen helfen? Und welche Rolle kommt dabei der Diakonie und den anderen Trägern der freien Wohlfahrtspflege zu?
Die Angebote der Diakonie und der freien Wohlfahrtspflege sind für viele Menschen unverzichtbar. Dass die Finanzierung dieser Arbeit in den letzten Jahren zunehmend schwieriger geworden ist, bereitet mir – gerade als Sozialarbeiterin - große Sorgen.
Vor dem Hintergrund angespannter Haushalte – insbesondere auf kommunaler Ebene – wird derzeit immer häufiger über Kürzungen sogenannter freiwilliger Leistungen diskutiert. Dazu zählen viele soziale Angebote. Das halte ich für einen schweren Fehler. Denn genau diese Angebote leisten Präventionsarbeit, ermöglichen Begegnung, stabilisieren Lebenslagen und verhindern, dass Probleme eskalieren. Wer hier kürzt, spart kurzfristig – zahlt aber langfristig einen hohen Preis, menschlich wie finanziell.
Mir ist deshalb eine deutlich stärkere Ausrichtung auf Prävention wichtig. Frühzeitige Beratung, Schutzangebote und soziale Unterstützung helfen Menschen, bevor Krisen sich verfestigen. Das ist nicht nur eine Frage der Menschlichkeit, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll: Prävention spart Folgekosten. Menschen müssen die Unterstützung bekommen, die sie brauchen – verlässlich und wohnortnah.
Die Diakonie und andere Träger der freien Wohlfahrtspflege spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie arbeiten nah an den Menschen, genießen großes Vertrauen und verfügen über hohe fachliche Kompetenz. Politik sollte sie als gleichwertige Partnerinnen verstehen.
Was die Finanzierung betrifft, braucht es aus meiner Sicht auch strukturelle Veränderungen, die nicht allein auf Landesebene entschieden werden können. Dazu gehören eine gerechtere Steuerpolitik, etwa durch die stärkere Besteuerung sehr großer Vermögen, eine konsequente Verfolgung von Steuerhinterziehung sowie eine faire Besteuerung großer Digitalkonzerne. Ziel ist es, die Schere zwischen Arm und Reich zu verringern und dauerhaft mehr Mittel für Bildung, Beratung, soziale Arbeit und die Unterstützung von Schutzsuchenden bereitzustellen.
Gleichzeitig liegt es in der Verantwortung des Landes, vorhandene Mittel sozial gerecht zu priorisieren. Dazu gehört für mich auch, bestehende Subventionen auf ihre soziale und ökologische Wirkung hin zu überprüfen und Fehlanreize abzubauen – damit ausreichend Mittel für soziale Infrastruktur, Prävention und die Arbeit der freien Wohlfahrtspflege zur Verfügung stehen.
Die allgemeine Sozialberatung bietet ein niederschwelliges Hilfsangebot, welches aktuell fast ausschließlich von den Kirchen finanziert wird. Den Aufruf der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg zum Thema der allgemeinen Sozialberatung finden Sie im Anhang. Würden Sie das Angebot der allgemeinen Sozialberatung unterstützen und sich für eine finanzielle Beteiligung von Land und Kommunen einsetzen?
Ja, ich werde mich dafür einsetzen, dass die Allgemeine Sozialberatung unterstützt und künftig auch durch Land und Kommunen mitfinanziert wird. Sie ist ein sehr wichtiges, niedrigschwelliges Angebot für Menschen in schwierigen Lebenslagen.
Die Allgemeine Sozialberatung wirkt präventiv. Diese frühe Unterstützung ist für die Menschen wichtig und gleichzeitig wirtschaftlich sinnvoll, weil sie hohe Folgekosten für Kommunen und das Land vermeidet.
Gleichzeitig entlastet die Allgemeine Sozialberatung Verwaltungen und Behörden. Durch ihre Clearing- und Lotsenfunktion hilft sie Menschen, sich im komplexen Sozialsystem zurechtzufinden, Anträge vorzubereiten und zuständige Stellen zu erreichen.
Nicht zuletzt leistet die Allgemeine Sozialberatung einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zur Stärkung unserer Demokratie. Menschen, die Unterstützung erfahren und sich ernst genommen fühlen, behalten Vertrauen in unsere Institutionen. Deshalb braucht dieses Angebot eine verlässliche finanzielle Beteiligung von Land und Kommunen.
Ein großes Thema ist aktuell immer noch die Frage der Migration. Durch die bereits genannten Kürzungen verschieben sich die Probleme jedoch nur. Da die Flüchtlingssozialarbeit auch in unserem Landkreis zusammengestrichen wurde, kommen nun viele Flüchtlinge zur allgemeinen Sozialberatung des Grunddienstes und nehmen Dienste in Anspruch, die eigentlich für andere Bedürftige gedacht sind. Wie wollen Sie diese Herausforderung lösen und den Menschen helfen, in unserem Land anzukommen?
Integration gelingt nur mit verlässlichen Strukturen. Kürzungen im Bereich der Flüchtlingssozialarbeit verschieben die Probleme. Damit ist weder den Geflüchteten noch anderen hilfebedürftigen Menschen geholfen.
Für mich ist entscheidend, dass Teilhabe möglich wird. Dazu gehören gute und frühzeitige Angebote in den Bereichen Sprache, Bildung, Arbeit und gesellschaftliches Leben – z.B. durch Vereine, Nachbarschaften oder ehrenamtliches Engagement. Begegnungsmöglichkeiten sind zentral, um Vorurteile abzubauen, gegenseitiges Verständnis zu fördern und Integration im Alltag zu ermöglichen.
Gleichzeitig braucht es ausreichend professionelle Beratungs- und Unterstützungsangebote. Ehrenamtliches Engagement ist unverzichtbar und leistet Großartiges, stößt aber an Grenzen und kann professionelle soziale Arbeit nicht ersetzen. Gerade Menschen mit Fluchterfahrung benötigen qualifizierte Sozialarbeit, die sie beim Ankommen begleitet – dazu gehören auch spezialisierte Angebote wie Traumapädagogik und psychosoziale Unterstützung.
Ein wichtiger Baustein gelingender Integration ist für mich zudem Quartiersarbeit. Projekte wie die Hoffnungshäuser in Gaildorf zeigen, wie Integration konkret funktionieren kann: Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte leben zusammen, begegnen sich im Alltag und werden gleichzeitig aktiv in das Quartier und die Stadtgesellschaft eingebunden. Solche Modelle fördern Zusammenhalt, bauen Barrieren in der Mehrheitsgesellschaft ab und unterstützen Geflüchtete nachhaltig beim Ankommen.
Darüber hinaus ist mir eine klare Haltung wichtig: Menschen dürfen nicht in „gute“ und „schlechte“ Migrant:innen eingeteilt werden. Jeder Mensch ist unabhängig von seinem vermeintlichen Nutzen wertvoll. Deshalb müssen wir uns als Politik, Kirche und Gesellschaft entschieden gegen Rassismus und Diskriminierung stellen. Integration gelingt dort, wo Menschen Würde erfahren, Unterstützung erhalten und echte Teilhabe möglich ist – daran möchte ich politisch mitarbeiten.
Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Welche Bedeutung hat für Sie der christliche Glaube und inwieweit wirkt er sich auf Ihre Politik aus?
Als Diakonin der Evangelischen Landeskirche ist mir der christliche Glaube sehr wichtig. Er ist mein persönlicher Wertekompass und prägt mein Handeln – auch in der Politik. Nächstenliebe, die unantastbare Würde jedes Menschen und der Blick für diejenigen, die am Rand der Gesellschaft stehen, sind für mich zentrale Leitlinien. Aus dieser Haltung heraus möchte ich Politik gestalten: respektvoll im Miteinander, klar in der Haltung gegen Menschenfeindlichkeit und mit besonderer Aufmerksamkeit für Menschen, die selbst kaum Gehör finden.
Bei meiner Einsegnung zur Diakonin habe ich einen Bibelvers mit auf den Weg bekommen, den eine Freundin für mich ausgesucht hat und der mich bis heute begleitet:
„Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.“ (Psalm 37,5)
Dieser Vers beschreibt für mich sehr gut, wie mein Glaube wirkt: nicht als einfache Antwort auf alle Fragen, sondern als Vertrauen und Orientierung mitten in Verantwortung und Unsicherheit.
Gleichzeitig ist mein Glaube für mich Halt und Hoffnung. Angesichts der vielen Krisen und Herausforderungen unserer Zeit gibt er mir die Gewissheit, dass diese Welt nicht haltlos ist und dass Gott mitgeht. Dieses Vertrauen hilft mir, trotz aller Schwierigkeiten handlungsfähig zu bleiben, die Hoffnung nicht zu verlieren und mich engagiert für eine gerechte, solidarische und menschenfreundliche Gesellschaft einzusetzen.